Das Heilen von Vernachlässigungswunden und warum das so schwierig ist
- Julia Koch
- 24. Juli
- 3 Min. Lesezeit
Damit die Wunde eines Verlustes heilen kann, braucht es eine Zeit des Betrauerns. Ein Anerkennen und Empfinden dessen, was man verloren hat. Dies ist ein natürlicher Prozess, den wir vor allem in Verbindung mit dem Tod von geliebten Menschen oder auch Tieren kennen. Weichen wir hier den einzelnen Stufen des Trauerprozesses nicht aus, so wird die akute Wunde des Verlustes im richtigen Tempo heilen.
Doch was, wenn wir gar nicht wissen, was wir verloren haben, weil wir es nie hatten, es aber hätten haben sollen?

Das ist das besondere an Vernachlässigungswunden.
Es existiert in uns ein Loch. Ein tiefes Sehnen und unbestimmtes Wissen, dass etwas ganz Entscheidendes fehlt. Wir fühlen uns unvollständig, unzufrieden oder rastlos. Meist suchen wir dann im Außen, gerne in Partnerschaften, ohne eigentlich genau zu wissen, welcher spezifische Mangel uns treibt. Wir haben vielleicht eine Ahnung oder haben durch die kognitive Aufarbeitung unserer Kindheitsgeschichte eine ziemlich genaue Idee davon, worum es geht. Und doch ändert sich am inneren Gefühl und der ungünstigen, abhängig machenden Dynamik, dadurch nichts. Wir brauchen, suchen, erwarten etwas im Außen, was wir dort nicht oder nicht ausreichend finden oder bekommen.
Selbst wenn wir gefühlsmäßig mit dem Schmerz dieses Mangels in Verbindung gehen, kommt es oft zu keiner Lösung, keiner Heilung, weil wir immer noch nicht wissen bzw. fühlen, was wir denn da eigentlich vermissen und ersehnen.
Es ist ein unbestimmter Verlust. Als wäre jemand verschwunden, aber nicht sicher tot. Der heilende Trauerprozess kann nicht starten, weil die unbestimmte Hoffnung noch lebt, das Ersehnte doch noch irgendwann vom Außen zu bekommen.
Dadurch verlängert sich das unbestimmte Leiden auf unbestimmte Zeit.
Erst wenn wir erfahren und mit dem ganzen Körper gefühlt haben, welche Qualität das ist, die uns nicht zu Teil wurde, obwohl wir sie als Kind aus dem Außen hätten bekommen sollen, und der Verlust dadurch ganz spezifisch geworden ist, kann der gesunde Trauer- und Heilungsprozess beginnen.
Dazu gehört auch, die Wut und die Verzweiflung anzuerkennen, die berechtigterweise auftauchen, wenn wir anfangen zu begreifen, dass dieser Verlust von damals unwiederbringlich ist.
Das bedeutet, eine schmerzhafte Wahrheit hereinzulassen, nämlich dass wir heute erwachsen sind und deshalb niemand im Außen uns mehr etwas in der Weise geben kann, wie wir es als Kind gebraucht hätten. Die unbestimmte Hoffnung darauf darf endlich sterben. Dieser Prozess ist trotz der Trauer enorm erleichternd.
Ab diesem Moment können wir anfangen, in uns selbst eine Instanz zu entwickeln, die genau diese vermisste Qualität verkörpert und uns selbst damit versorgen.
Die Körper-Referenz, die wir nun haben, weil wir einmal diese spezifische Qualität ganz wahrgenommen haben, befähigt uns, uns immer wieder damit zu verbinden und uns selbst damit nachzunähren.
Nun sind wir nicht mehr abhängig vom Außen und Heilung und Befreiung geschehen als automatische Folge.
Sobald wir die Wunde bestimmt und die falsche Hoffnung zu Grabe getragen haben, geschieht das Wunder der Heilung überraschend schnell.
Was aber tun, um die Wunde zu bestimmen?
Um die Qualität dessen zu fühlen, was bislang nur unbestimmter oder kognitiv bekannter Mangel war, eignet sich die Aufstellungsarbeit mittels des SSTT-Ansatzes besonders gut. Dies kann sowohl in Gruppenprozessen als auch in Einzelsitzungen erfolgen.
Ich biete in Zukunft regelmäßige Aufstellungstage mit zwei Gruppenprozessen pro Tag an. Auch wenn man selber nicht aktiv aufstellt, kann es sein, dass man als Stellvertreter mit einer Qualität in Kontakt kommt, die für einen selber ausschlaggebend ist.
Wenn Du eine Resonanz zu diesem Thema spürst und Dir Unterstützung in diesem Prozess wünschst, dann melde Dich sehr gerne bei mir.
Herzlichst Deine Julia
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